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Bericht: "Jetz wird´s peinlich?!" - Salongespräch zum Umgang mit Scham in der Sexualerzieung am 23. Mai 2018 im FPZ

Obwohl der Umgang mit Scham zum sexualpädagogischen Alltag zählt, gibt es erstaunlich wenig fachliche Auseinandersetzung mit diesem Gefühl. Diese Leerstelle wollte der Salon aufgreifen.
Hierzu gab es zwei spannende Vorträge. Es sprachen Jens Tiedemann (Dr. phil. Dipl.-Psych., psychologischer Psychotherapeut/ Psychoanalytiker), der sich seit Jahren mit Schamphänomenen beschäftigt und mehrere Publikationen zum Thema veröffentlichte, sowie Christina Witz (Dipl.-Psych., Sexualpädagogin), die sich insbesondere mit angenommener und tatsächlicher Scham von geflüchteten Jugendlichen im Rahmen der sexuellen Bildungsarbeit kritisch auseinandersetzte. Lisa Frey (Sexualpädagogin FPZ) moderierte den Abend und umriss bei der Gelegenheit Ergebnisse ihres Forschungsprojekts über die Haltung von sexualpädagogischen Expert_innen hinsichtlich des Umgangs mit Schamaffekten.
Jens Tiedemann stellte zu Beginn fest, dass Scham oft negativ als ein stark unangenehmes Gefühl begriffen wird, das mit Abwertung, Verurteilung, Minderwertigkeit und Bloßstellung verknüpft wird. Er nannte jedoch auch eine positive Betrachtungsweise, nach der Scham die persönlichen Grenzen anzeigt, um diese wahren zu können. Als weitere Funktion beschrieb er die Regulierung im sozialen Miteinander, also Scham als „Wächterin der sozialen Norm“. Hieraus ergaben sich weiterführende, noch zu klärenden Fragen für Pädagog_innen: Wie können Schamgefühle erkannt und richtig eingeordnet werden? Wann ist Scham wichtig, wann hinderlich? Welche Scham bzw. welche Normen sollen abgebaut werden? Inwiefern kann eine offene Auseinandersetzung mit Schamgefühlen entwicklungsfördernd sein?
"Bei Scham in der Sexualpädagogik wird klassisch Nähe und Distanz verhandelt" erläuterte Christina Witz und rückte damit den Umgang mit Scham in ein bekanntes pädagogisches Spannungsfeld. Weiterhin betonte sie, dass Scham sowohl bei Fachkräften wie auch bei Jugendlichen vorhanden ist. In der Arbeit mit pädagogischen Fachkräften wurde sie damit konfrontiert, dass geflüchteten Jugendlichen oftmals pauschal zugeschrieben wurde, besonders schamhaft zu sein. Diese Zuschreibung bestätigte sich so aber nicht in ihrer Arbeit. Christina Witz plädierte dafür, die eigenen Projektionen von Scham auf andere Menschen zu reflektieren sowie für die Auseinandersetzung mit der eigenen Schamgeschichte bzw. dem eigenen (Nicht-)Umgang mit Scham.
Das große Thema in der anschließenden offenen Runde war: Wie kann als belastend eingeschätzte Scham bei Kindern und Jugendlichen abgebaut werden, wie kann aber auch die schützende Funktion der Scham ausreichend Berücksichtigung finden? Aussagen wie „Dafür musst du dich doch nicht schämen!“ wurden kritisch bewertet, unter anderem da diese zu weiterer Scham (sekundärer Scham) führen könnten – „Ich schäme mich dafür, dass ich mich schäme." Als erster Schritt sei die wertfreie Anerkennung von Scham wichtig. Insbesondere als Autoritätsperson sei es wichtig anzusprechen, dass es okay ist, Scham zu empfinden. Die Verantwortung der Pädagog_innen, einen klar strukturierten Rahmen zu setzen (transparente Abläufe und Regeln) und eine Gruppenatmosphäre zu schaffen, in der die Schamgrenzen Einzelner geachtet werden, aber Scham auch abgebaut werden kann, wurde betont. Dies könne beispielsweise geschehen, indem offen angesprochen wird, dass es erlaubt ist zu lachen, wenn etwas peinlich, lustig, irritierend, schamhaft ist und dass immer wieder betont wird, dass die Angebote und das Mitmachen auf Freiwilligkeit beruhen – Grundsätze die in der sexualpädagogischen Praxis seit langem zum Standard gehören, aber selten in Bezug auf Schamaffekte theoretisch diskutiert werden.

Insgesamt gaben die Referent_innen an diesem Abend viele wichtige Anregungen für eine schambewusste Sexualerziehung. Der starke Bedarf nach fachlichem Austausch zeigte sich deutlich. Insofern ergibt sich hoffentlich noch öfter die Gelegenheit, diesen spannenden und wichtigen Fragen nachzugehen.