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Interview mit Laura Gelhaar: "Behinderte Frauen haben das Recht auf Gesundheitsversorgung"

24.11.2025
Die gynäkologische Versorgung von Frauen mit Behinderung(en) ist alles andere als selbstverständlich. Die Kürzungen im sozialen Berlin bedeuten Ungewissheit für viele Organisationen. Auch das FPZ hatte mit dieser Ungewissheit zu kämpfen. Wir haben dies zum Anlass genommen, mit Laura Gehlhaar – Autorin, Coach und Frau mit Behinderung – über die Themen Ungewissheit und Handlungsfähigkeit zu sprechen.
Die gynäkologische Versorgung von Frauen mit Behinderung(en) ist – in Deutschland und auch in Berlin – alles andere als selbstverständlich. Es fehlt an barrierefreien Praxen, an Zeit, an Förderung, an Erfahrungen – und damit an Strukturen, die behinderten Frauen Selbstbestimmung ermöglichen. Denn all diese Faktoren bestimmen, wie viel Kontrolle sie über ihr Leben haben. Gleichzeitig wird im sozialen Berlin immer wieder - und auch akutell -gekürzt.
Das Familienplanungszentrum Berlin e.V. – BALANCE (FPZ) bietet gynäkologische Versorgung für Frauen mit Behinderung und sexualpädagogische und psychologische Fachberatung in den Bereichen Gesundheit, Beziehungsgestaltung und Sexualität. Auch für das FPZ war die Finanzierung für das kommende Jahr lange Zeit ungewiss. Das hat Energie gekostet. Inzwischen können wir erst einmal aufatmen - dank des Einsatzes der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege sowie Fachpolitiker*innen aus der Koalition und der Opposition. Dafür sind wir sehr dankbar.
Heike Neubrand, Mitarbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit des FPZ, hat vor diesem Hintergrund mit Laura Gehlhaar – Autorin, Coach und Frau mit Behinderung gesprochen.
FPZ: Ungewissheit begleitet viele Menschen mit Behinderung in ihrem Alltag. Wo stößt du auf Unsicherheiten? 

Laura Gehlhaar: Als Person mit Behinderung – ich sitze im Rollstuhl – bin ich auf Barrierefreiheit angewiesen, stoße aber auf viele Barrieren und Diskriminierung – und damit auf Ungewissheiten. Ich brauche viel Sicherheit – damit ich weiß, woran ich bin und wie und wo ich mich bewegen kann, was also mein Handlungsspielraum ist. Deshalb sind für mich Gesetze und institutionelle Vorgaben und Richtlinien wichtig. Denn ich muss meinen Rücken gestärkt wissen, damit ich Aufgaben erledigen, meine Bedürfnisse erfüllen und meinen Lebensentwurf leben kann.

FPZ: Viele Frauen mit Behinderung bekommen keine ausreichende medizinische oder gynäkologische Versorgung. Woran liegt es, dass sich daran so wenig ändert?

Laura Gehlhaar: Aktuell wird wieder gesagt, dass Gelder gekürzt werden müssen. Und wenn es heißt, dass Gelder anders verteilt oder eben eingespart werden müssen, trifft es meist Personengruppen, die sowieso schon diskriminiert sind. Behinderte Frauen haben keine Lobby, keine Bühne, kein Geld. Deshalb ist es einfach, bei uns zu kürzen. Die Crux ist auch: Wenn wir eigentlich laut sein müssten, haben wir unter Umständen wenig Kapazitäten, vielleicht auch keine gesundheitlichen Ressourcen dafür, um uns Gehör zu verschaffen.

FPZ: Wie sieht für dich eine barrierefreie und respektvolle Gesundheitsversorgung für Menschen mit Behinderung aus?

Laura Gehlhaar: Für behinderte Menschen ist möglicherweise schon der Zugang zu einem Termin schwerer als für Menschen ohne Behinderung. Was machen Gehörlose oder Menschen mit Lernbehinderung, wenn Termine nur per Telefon vereinbart werden können? Oder sind Terminvereinbarungen nur per E-Mail möglich? Wenn man dann einen Termin hat, kommt für mich die nächste Frage: Ist die Praxis mit einem Rollstuhl zugänglich?
Meine Ärzt*innenwahl in Berlin ist sehr begrenzt. Ich bin darauf angewiesen, dass Praxen rollstuhlgerecht sind. Da sprechen wir dann noch nicht mal von Sympathie für die Ärztin oder den Arzt oder deren Expertise. Ich freue mich, wenn ich die Infos zur Barrierefreiheit schon auf der Webseite finde und dort steht, dass ich als Frau mit Behinderung willkommen bin, wie das beim FPZ der Fall ist. Etliche meiner Berliner Bekannten, die im Rollstuhl sitzen, waren noch nie bei einer gynäkologischen Untersuchung! Sie finden keine Praxis, die ihren Bedürfnissen gerecht wird.
Es ist auch ein Problem, dass behinderte Körper, besonders behinderte Frauenkörper, auch in der Medizin diskriminiert werden. Wir brauchen eine intersektionale gynäkologische Grundversorgung – und das müsste schon in der Ausbildung von Ärzt*innen berücksichtigt werden
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FPZ: Wie bleibst du handlungsfähig und vielleicht sogar hoffnungsvoll?

Laura Gehlhaar: Behinderte Menschen haben große Resilienz und sind die besten Problemlöser*innen – weil sie das sein müssen! Ich möchte handlungsfähig sein und deshalb bin ich darauf aus, meine Handlungsspielräume zu erkennen – und sie zu nutzen. Ich möchte von der Politik gesehen werden, ich habe ein Recht auf Gesundheitsversorgung. Und bei all dem ist für mich die Freundschaft und die Vernetzung mit anderen behinderten Frauen äußerst wichtig und deren Empowerment.