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Rückblick: Digitaler Fachtag „Sexualpädagogik – muss das?! Ein Spannungsfeld zwischen Schutz, Empowerment und Kompetenz“ am 24.11.2020

Seit über 25 Jahren leistet BALANCE mit sexualpädagogischem Engagement für Kinder, Jugendliche und Erwachsene einen wesentlichen Beitrag zur sexuellen Bildung und Gesundheit in Berlin. Somit könnte der Slogan des diesjährigen Fachtags – „Sexualpädagogik – muss das?!“ – von unserer Seite wohl eindeutig mit JA beantwortet werden. Gleichwohl verbirgt sich hinter der Frage so einiges, mit dem es sich zu beschäftigen lohnt:
  • Wie kann gute Sexualpädagogik gelingen?
  • Welche Qualitätsstandards sind für eine professionelle Arbeit notwendig?
  • Welche strukturellen Bedingungen und Ressourcen bedarf es, um sexualpädagogische Bildungsangebote weiterzuentwickeln?
Das Familienplanungszentrum – BALANCE setzte sich mit dem Fachtag zum Ziel, Fachkräften und auch Eltern angesichts verunsichernder Debatten mehr Handlungssicherheit zu vermitteln. Vorträge, Workshops und eine Podiumsdiskussion bildeten den Rahmen für den Austausch verschiedener Perspektiven rund um die Sexualpädagogik.
Dr. Barbara Rothmüller, Soziologin, Sexualpädagogin und Projektmitarbeiterin an der Sigmund Freud Universität Wien, gewährte mit ihrem Vortrag „Gemeinsam besser scheitern: Professionalisierung in stürmischen Zeiten“ einen interessanten Einblick in die Situation in Österreich, wo nach Skandalen um konservative Anbieter von Sexualpädagogik die Arbeit an Schulen durch sexualpädagogische Fachkräfte stark eingeschränkt wurde. Sie plädierte für eine bessere Vernetzung innerhalb der Profession, betonte aber auch die Notwendigkeit der stärkeren Einbindung in politische Entscheidungen. Gerade pädagogische Grundfragen rund um „Nähe und Distanz“ ließen sich nicht mit starren Regeln beantworten, sondern müssten unter Einbezug von Erfahrungs- und Fachwissen aus der Sexualpädagogik konstruktiv begegnet werden.
Eike Sanders, Projektreferentin, Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V. (apabiz), legte in ihrem Vortrag „Für unsere Kinder? Angriffe auf emanzipatorische Sexualpädagogik in Deutschland“ den Fokus auf Akteur_innen der konservativen bis extremen Rechten und deren Vorgehen gegen die progressive Sexualpädagogik und letztlich die sexuelle Selbstbestimmung. Unter dem Vorwand, Kinder vor "Frühsexualisierung“ zu schützen, ginge es letztlich um die altbekannten Bestrebungen nach traditionalistischen Familienmodellen und einer homogenen Volksgemeinschaft. Verbindungen zur sogenannten "Lebensschutzbewegung“ wurden ebenso aufgezeigt, wie die aktuelle Bedeutung internationaler Netzwerke.

Workshop „#sex Digitale Medien & Sexualität – Herausforderung und Bereicherung“

Für Jugendliche – und inzwischen auch für uns alle – ist der digitale Raum ein wesentlicher Ort, um zu lernen und sich auszutauschen. Agi Malach, Sexualpädagogin, BiKo Berlin, betont dabei: Wichtig ist, die Jugendliche dabei gut zu begleiten. Konkret benötigen die Fachkräfte hierfür stärkere Medienkompetenzen, Kenntnisse von digitalen Schutzkonzepten, ein Interesse und eine Neugier an neuen, digitalen Möglichkeiten sowie Aufklärung und Fachwissen u.a. über subtile, aber wirkmächtige Online-Marketing-Strategien. Denn neben sexpositiven Lern- und Erfahrungsumgebungen existieren auch andere Räume im Netz, die einseitige Körper- und Rollenbilder propagieren, die Vielfalt einschränken und Leistungsdruck erzeugen. Deswegen der Appell von Agi Malach an die Sexualpädagog_innen, aktiv im digitalen Raum zu werden, um mehr sexpositive Lernumgebungen und Erfahrungsräume zu gestalten und zu schaffen. Dennoch kann kein_e Sexualpädagog_in diese einfach nebenbei schaffen, denn hierfür sind neue Qualifizierungs- und Finanzierungskonzepte nötig.

Workshop „Warum sehen denn hier alle gleich aus? Strukturelle Diskriminierung in der Sexualpädagogik“

Im Workshop von Melody Makeda Ledwon, freie Sexualpädagogin, und Samia El-Dakhloul, Islamwissenschaftlerin, hat sich die Gruppe mit den Fragen beschäftigt, warum sexualpädagogische Teams in Berlin überwiegend weiß, cis, ablesiert und christlich sozialisiert sind und wie diese Realität die sexualpädagogische Bildung von Jugendlichen beeinflusst. Der Workshop kam zu dem Fazit, dass eurozentristische Perspektiven sowie rassistische Narrativen bei homogenen Teams leichter in die Bildung getragen werden können. Mehr Diversität hingegen würde dazu beitragen, dass sich die Jugendlichen besser mit den Pädagog_innen identifizieren und verschiedene Lebensperspektiven und Haltungen kennenlernen könnten. Die Referentinnen lieferten Hilfestellung, wie mehr Diversität in Teamn gefördert werden kann. Fragen wie „In welchen Medien werden unsere Stellenangebote ausgeschrieben?“ oder „Wen erreichen wir damit?“ gaben hilfreiche Denkanstöße für die zukünftige Suche nach Fachkräften.

Workshop „Doktorspiele – Dürfen die das? Verunsicherte Erwachsene zwischen Tabu und Prävention“

Daniela Kühling, Diplom-Sozialpädagogin, Sexualpädagogin (gsp) und Dozentin, Institut für Sexualpädagogik, ging in ihrem Workshop „Doktorspiele – Dürfen die das?“ einer Frage nach, die wohl viele Erwachsene beschäftigt: Weckt man mit früher sexueller Bildung schlafende Hunde? Um sogleich festzustellen: Es gibt keine schlafenden Hunde, sie sind wach von Anfang an! Ausdrucksformen kindlicher Sexualität, etwa im Rahmen von Körpererkundungsspielen, wurden Formen der Erwachsenensexualität gegenübergestellt. Dies schaffte Orientierung hinsichtlich der verschiedenen kindlichen Entwicklungsphasen und deren altersadäquaten Begleitung. Es wurde deutlich – nicht selten sind Erwachsene verunsichert, obwohl sie intuitiv einen förderlichen und kindgerechten Umgang mit Sexualität verfolgen.

Workshop „Sexualfreundlich und präventiv bei Kindern und Jugendlichen mit Behinderung – wie kann das gehen?“

Im Workshop von Ann-Kathrin Lorenzen, Bildungsreferentin, PETZE-Institut für Gewaltprävention, zum Thema „Sexualfreundlich und präventiv bei Kindern und Jugendlichen mit Behinderung – wie kann das gehen?“ wurden die Bedeutung von Normen und Sexualität interaktiv diskutiert sowie die Bedeutung von Behinderung erläutert. Dabei wurden Hellzahlen gemeldeter Straftatbestände kurz erläutert und die Bedeutung ungesehener Fälle betrachtet. Anhand des Spannungsfelds von Sexualität und sexualisierter Gewalt fand ein Austausch statt. Zum anderen wurde die Bedeutung von Schutz- und Präventionskonzepten sowie von funktionierenden Interventionsketten betont.
Der Fachtag schloss mit einem Podiumsgespräch ab, bei dem die Referent_innen die interaktiv gesammelten Fragen von Teilnehmenden angingen und diskutierten. Es wurde deutlich, dass viele Expert_innen es Leid sind, immer wieder die Frage zu hören, ob Sexualpädagogik denn wirklich sein müsse. Schließlich soll das Recht auf sexuelle Bildung als Menschenrecht nicht zur Verhandlung stehen. Gleichwohl bleibt festzustellen, dass Sexualpädagogik sich angesichts aktueller gesellschaftlicher, politischer und medialer Veränderungen stetig weiterentwickeln muss.
Einerseits bedarf es einer offenen, selbstkritischen Haltung der Berufsgruppe. Andererseits benötigt  es einer klaren Anerkennung und Förderung von politischer und gesellschaftlicher Seite.

Sexualpädagogik muss sein, aber nicht irgendwie - sondern sie muss selbstverständlich inklusiv, selbstreflexiv und professionell gestaltet werden.