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Grußwort zur Eröffnung der Fachtagung und Feier anlässlich         des 18. Jubiläums des Familienplanungszentrum - BALANCE

Berlin, 25.06.2010

Herzlichen Glückwunsch zum erfolgreichen Um- und Ausbau ihrer Einrichtung und den schönen neuen Räumen. Herzlichen Glückwunsch aber auch zum 18. Geburtstag!

Sie aber feiern nicht nur festlich am heutigen Abend, sondern Sie bieten Ihren Gästen anlässlich ihres Jubiläums unter dem Motto „Sexuelle Selbstbestimmung als Menscherecht & ihre Facetten im gesellschaftlichen Wandel" eine Fachveranstaltung mit einer Fülle von hochinteressanten Themen - beginnend mit Vorträgen von fachkompetenten Referentinnen, anschließenden Workshops zum Mitmachen, Mitdenken und Diskutieren, einem Forum für sogenannte Minderheiten und einer Talkrunde zum Abschluss. Und dann geht es ab 18 Uhr festlich weiter - mit köstlichen Speisen und Getränken, mit den Präsentationen einer Foto- und einer Kunstausstellung, mit Musik und Tanz. Also mit Vielfalt - wie wir es nicht anders von BALANCE kennen! BALANCE als Familienplanungszentrum steht seit 18 Jahren mit seinem reichhaltigen Beratungsangebot zu Sexualität, Partnerschaft, Empfängnisverhütung und Schwangerschaft und auch für medizinische Hilfe zu Frauengesundheit und Familienplanung mit kompetentem Fachpersonal in Berlin zu Verfügung. Ein wichtiges und gutes Angebot in unserer Stadt.

Meine Damen und Herren, im Grundgesetz heißt es „(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt" und „(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden." Der Begriff der Menschenwürde umfasst auch die Selbstbestimmung. Aber dann wenn das theoretische Konstrukt ‚Selbstbestimmung' in den Alltag transportiert wird, wird es eher schwierig. Im Grundgesetz steht zwar, dass sich das deutsche Volk zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten bekennt, aber bei der nachfolgenden Aufführung der Grundrechte taucht der Begriff Sexualität explizit nicht auf.

Eine gesunde und deshalb freie Persönlichkeitsentfaltung kann jedoch niemals Sexualität ausklammern. Im deutschen Recht ist es aber leider so, dass der Begriff Selbstbestimmung in Verbindung mit Sexualität nur im Strafrecht vorkommt, wenn es nämlich um Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung geht. Das ist aber natürlich nicht der einzige Punkt sein, an der der Begriff für unsere Gesellschaft relevant ist! Sexualität ist ein grundlegendes Bedürfnis. Sexualität ist vielfältig, sie wird lebenslang individuell geformt und ausgestaltet, jeweils abhängig von der eigenen Biografie, dem soziokulturellen Milieu in dem der Mensch lebt.

Sexualität hört dann auf wenn negative Aggression, Gewalt, Macht und Ausbeutung im Spiel sind oder wenn physische oder auch psychische Verletzungen die Folge sind. Dann müssen den Betroffenen Beratung, Begleitung und unter Umständen Therapie ermöglicht werden.

All das bisher Gesagte gilt selbstverständlich für Jung und Alt, für Menschen ohne und mit Behinderung in gleicher Weise. Das Grundrecht auf selbstbestimmte Sexualität hat für alle den vorhin beschriebenen Stellenwert, auch wenn intensive Unterstützung der Menschen mit Handicap nötig ist. In diesem Zusammenhang ist es leider auch heute noch nötig zu erwähnen, dass Menschenrechte und Grundfreiheiten allgemein gültig und unteilbar sind. Dies sagt auch die 2009 unterzeichnete UN-Behindertenrechtskonvention aus. Zweck dieses Übereinkommens ist es, „den vollen und gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte und Grundfreiheiten durch alle Menschen mit Behinderungen zu fördern, zu schützen und zu gewährleisten und die Achtung der ihnen innewohnenden Würde zu fördern." Das Ermöglichen von selbstbestimmt gelebter Sexualität ist für Menschen mit Behinderung / Beeinträchtigung deshalb von besonderer Relevanz, weil die Erfahrung und Selbstbestätigung normal zu sein, von anderen als vollwertig angesehen und akzeptiert zu werden, für sie von besonderer Bedeutung ist. Gelingt das - es passiert hier im FPZ Balance bei vielen Begegnungen - dann haben wir die ganz praktische Umsetzung des Begriffes Menschenrecht im schönsten Sinne. Ich erwähne diesen Aspekt ausdrücklich, weil die Kolleginnen und Kollegen hier im FPZ Balance bereits über viele Jahre kompetente sexualpädagogische Begleitung für Menschen mit körperlicher, geistiger und mehrfacher Behinderung anbieten. Seit geraumer Zeit ist ein Beratungsanstieg dieser Gruppe einschließlich ihrer Betreuungspersonen zu verzeichnen. Gerade für diese Zielgruppe ist es bedeutsam, immer wieder selbstbestimmte Sexualität als Menschrecht zu ermöglichen bzw. einzufordern - manchmal auch stellvertretend für sie, da viele noch immer unter fremdbestimmten Bedingungen wohnen und leben. Sich diesen Beratungsbedarfs anzunehmen, macht die Mitarbeiter/innen des FPZs längst zum unverzichtbaren Angebot unseres Berliner Gesundheitssystems.

Die angebotenen sexualpädagogischen Veranstaltungen und Beratungen für Jugendliche dienen der Aufklärung, initiieren selbstbestimmtes Sexualverhalten und Gesundheitsförderung. Sie haben aber auch einen präventiven Ansatz, nicht nur hinsichtlich unerwünschter Schwangerschaft, sondern auch gegenüber sexuell übertragbaren Krankheiten einschließlich HIV und AIDS, sowie zum Schutz vor sexuellen Übergriffen. Wobei es dadurch ebenfalls um Vermeidung von persönlichem Leid und zum Teil lang andauernden Behandlungen geht.

Meine Damen und Herren, gestatten Sie mir an dieser Stelle noch einen kurzen Ausflug in die Vergangenheit, in das Jahr 1994, als in Kairo die größte und bedeutendste internationale UN-Bevölkerungskonferenz stattfand. Dort stand erstmalig nicht das Bevölkerungswachstum sondern sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte insbesondere von Frauen und Mädchen im Mittelpunkt. Sexualität, Reproduktion und Gesundheit wurden erstmals mit den allgemeinen Menschenrechten verknüpft. Dieser neue, auf den Menschenrechten basierende Ansatz, garantierte allen Menschen das Recht auf Information und Zugang zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit - unabhängig ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder Hautfarbe, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung und anderer (sozialer) Determinanten. In diesen Zusammenhang ist auch der Schwerpunkt der medizinischen Beratung, Betreuung und die sexualpädagogische Arbeit von Menschen mit Migrationshintergrund bzw. aus anderen Kulturen zu setzen. Denn rd. 1/3 der Ratsuchenden hier gehören zu dieser Personengruppe! Vor allem Ihre jüngst ins Leben gerufene Initiative eines Runden Tisches gegen weibliche Genitalverstümmelung ist eine besondere Aktivität gegen Menschenrechtsverletzung. Trotz knapper Ressourcen und gleichbleibender Mitarbeiterzahl bewältigen Sie auch diese Themen ebenso, wie den immer größeren Zulauf von Frauen und Paaren in sozialen Problemsituationen, weil die niedrigschwellige Beratung auch für diese Personengruppen ihnen ein ganz besonderes Anliegen ist.

Die wenigen ausgewählten Beispiele sollen zeigen, dass das integrative Beratungskonzept hier in diesen vergrößerten Räumlichkeiten schon seit 18 Jahren mit Erfolg geplant und umgesetzt wurde. Und sie haben sich - wie ich weiß - weitere Ziele vorgenommen. Unter anderem wollen sie sich z. B. der Gemeindeorientierten, sexualpädagogischen Arbeit mit Jungen und männlichen Jugendlichen zur Prävention sexueller Gewalt annehmen - einer Zielgruppe und Thematik, die wichtig ist und für andere Zeichen setzen wird. Viel Erfolg dafür. Ich spreche hier Worte des Dankes auch stellvertretend für viele tausend Frauen und übrigens auch für zahlreiche Männer (mittlerweile über 10 %) und Jugendliche - für Menschen, die in schwierigen Lebenssituationen Hilfe suchten oder auf spezifische Fragen zu selbstbestimmter Sexualität fachkundige Antworten brauchten und bei Ihnen bekommen haben.

Ich bedanke mich für Ihr Engagement, freue mich ob ihres Erfolges und gratuliere noch einmal herzlich zum 18. Geburtstag dieser unverzichtbaren Einrichtung in schönen neuen Räumen. Den Kolleginnen und Kollegen wünsche ich weitere förderliche Jahre und ihnen allen einen sowohl interessanten, als auch vergnüglichen Tag. Vielen Dank.

Berliner Senatorin für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz

Katrin Lompscher